Minden. Hunderttausende von Menschen sind in den letzten Wochen in Deutschland auf die Straße gegangen, weil sie sich Sorgen machen um den Fortbestand unserer Demokratie.

Großen Zulauf hatte auch hier in Minden die vom „Mindener Bündnis“ organisierte Kundgebung auf dem Marktplatz am 8. Februar. Eine Woche später lud dann der Evangelische Kirchenkreis Minden in die Ratskirche St. Martini ein. Unter dem Motto „Demokratie stärken#wählen“ leitete Superintendent Michael Mertins ein „Gebet für Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt“. Ähnlich wie bei Friedensgebeten für das Ende von Krieg und Gewalt gebetet wird, wurde nun ein Zeichen gesetzt für den Fortbestand der Demokratie und von christlichen Werten wie Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt.

Für den „Spontan-Chor“, zu dem Kreiskantor Nils Fricke eingeladen hatte, fanden sich ohne Weiteres etwa 40 Sängerinnen und Sänger und für die Gebete kamen rund 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Sie alle erlebten eine ausgewogene Mischung aus Chor- und Gemeindegesang, Fürbittengebet und Wortbeiträgen. In drei Blöcken sprachen Mindener Bürgerinnen und Bürger über ihre Gründe, für die Demokratie zu beten. Volker Böttcher, ehemals Vorstand der Sparkasse Minden-Lübbecke, und Oliver Roth, Leiter des Teams Flüchtlingsberatung des Kirchenkreises, schilderten ihre Sorgen um die Demokratie im Land. Suzan Azer, aus Ägypten geflohene koptische Christin und heute Mitarbeiterin der Flüchtlingsberatung, berichtete gemeinsam mit ihrer Tochter Karen und ihrem Sohn Philopateer über ihre Erfahrungen mit einer undemokratischen Gesellschaftsordnung. Iris Niermeyer, Sprecherin der Landfrauen des Kreises Minden-Lübbecke, und Volker Niggemann, Pfarrer der St.-Matthäus-Kirchengemeinde benannten die Stärken der Demokratie, die erhalten bleiben sollen.

Besonders eindrücklich waren die Worte Suzan Azers und ihrer Zwillinge. Als koptische Christin habe sie ihrer Religion in Ägypten nicht nachgehen können, sei verfolgt worden und habe sich deshalb entschlossen, ihre Heimat mit ihren damals fünf Jahre alten Kindern zu verlassen. Heute spricht sie nahezu perfekt Deutsch, hat eine feste Anstellung und hilft anderen Geflüchteten als Sprachmittlerin und Beraterin; ihre Tochter und ihr Sohn machen im kommenden Jahr Abitur am Mindener Ratsgymnasium. Wie muss es sich für diese offenbar sehr gut integrierte Familie anfühlen, täglich in den Medien zu sehen und zu hören, mit welcher Undifferenziertheit Migrantinnen und Migranten verantwortlich gemacht werden für fast alle Probleme, die es hierzulande gibt, und mit welcher Selbstverständlichkeit inzwischen Begriffe wie „Remigration“ gebraucht werden?

Mit der Veranstaltung in der St.-Martini-Kirche beteiligte sich der Kirchenkreis Minden an der bundesweiten Kampagne „Für alle. Mit Herz und Verstand“, die von der Evangelischen und der Katholischen Kirche ins Leben gerufen worden war. Ziel der Kampagne ist es, Bürgerinnen und Bürger dafür zu gewinnen, aktiv an der Bundestagswahl teilzunehmen und dabei für eine der demokratischen Parteien zu stimmen. Als Kriterien für die Stimmabgabe empfehlen die Kirchen Werte wie Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt. Das Logo der Kampagne zeigt ein (Wahl-)Kreuz in Verbindung mit dem Slogan „Für alle. Mit Herz und Verstand“. Es ist ein klares Bekenntnis zur Demokratie und ein Appell, extremistischen Positionen entgegenzuwirken. Eines der großformatigen Banner, die zu der Kampagne gehören, hängt seit Anfang Februar an der Martinikirche.